3. Platz: Momentum - Anno 2016

Momentum - Anno 2016

Der Nagel durchsticht

Verfasst von Yavuz Kudret Gürsoy

An diesem Mittag genießt er die Ruhe und das Wohlbefinden im Gebet. Das fakultative Gebet ist vollbracht. Nun steht die gesamte Gemeinde in Reihen an und macht sich für das gemeinsame Gebet bereit. Der Imam eröffnet das Gebet. Erst nach der ersten Gebetseinheit riecht der junge Mann einen unangenehmen Geruch, der nach und nach an Intensität zunimmt.

Er sieht beim Verbeugen ungewollt auf die Füße des Mitbeters links neben sich.Die Socken sind fest an den Füßen hochgezogen, die Nägel lang, die Socken durchstochen. Ihm ist schnell klar, dass es sich um einen Flüchtling oder Bedürftigen handeln musste, der seit Tagen, ja vielleicht Wochen, auf der Durchreise ist. Die Betenden richten sich nach dem Rufen des Vorbeters allesamt auf, dann gehen sie alle mit den Knien, Handflächen, Stirn und Nase auf den Boden. Nun riecht er ihn als würde er selbst in seiner Geruchswolke stecken. Denn der Geruch klebt an seiner Nase so fest, dass er im Gebet neben den Versen, die er rezitiert, sich leicht Gedanken machen muss, unter welchen Umständen ein Mensch so ein Geruch bekommen kann.

Nach dem Gebet findet der junge Mann zuerst den Weg zu seinem Kind, das während die Erwachsenen beteten, durch die Reihen tummelte, dann schnell zu dem wohl bedürftigen Mitbetenden.

Der Mitbetende sei auf der Durchreise zu seinen Verwandten in Kopenhagen ... komme aus Syrien. Er habe sich vor dem Gebet im Restaurant der Gem einde sattgegessen. Der junge Mann fragt ihn ohne zu zögern, ihn in die Augen schauend, ob er Möglichkeiten habe zu übernachten, gar sich frisch zu machen. Er antwortet mit einer sanften Stimme in der arabischen Bildungssprache, dass er mal hier mal dort übernachte, wo es ihm passe. Er würde sich aber ern frisch machen. Der junge Mann fragt ihn, ob er zu ihm nach Hause käme - zum Waschen. Er bejaht mit großen Augen und folgt dem jungen Mann. Der ruft seine Gattin zuhause an, sie möge das Badezimmer bereit machen. Er nimmt ihn mit ins Auto.  Sie gehen in die Wohnung. Nach einem Glas Wasser als Willkommensgeste führt er ihn ins Badezimmer. Während der Gast sich im Badezimmer wäscht, macht ihm der Gastgeber einen Stoffbeutel mit Proviant, Reisegeld und
einem kleinen Pediküre - Set fertig.

Der Gast ist so demütig und zugleich stolz, dass er nicht das
Badetuch des Gastgebers benutzen möchte, sich dafür mit seinem eigenen Handtuch trocknet. Er benutzt keine weiteren Hilfsmittel. Auch nicht einen Haartrockner - zum Trocknen seiner schulterlangen Haare.

Diese Tat erweckt ein seltenes Gefühl im Herzen des Gastgebers. Er fühlt sich frei in der Brust. Das Gefühl ist neu, einem Menschen zu helfen, den man nicht kennt, nie zuvor im Leben getroffen hat, in wenigen Momenten ein Vertrauensverhältnis aufbaut, gastfreundlich ist, aber auch vorsichtig zugleich.

Dieses Erlebnis... weitet seine Brust. Es durchbricht seine Grenzen –so wie der Nagel wächst und die Socke durchsticht!

Zusätzliche Informationen