1. Platz: JAHRESRÜCKBLICK 2016 – ODER DER MOMENT, AN DEM ICH BESCHLOSS, MEIN ÄNDERN ZU LEBEN.

Verfasst von Kübra Böler

Und wieder ist ein Jahr vergangen. Wieso auch nicht... Nichts ist beständiger als die Veränderung selbst.

 Menschlich, allzu menschlich.

 Viel ist in der vergangenen Zeit passiert: Wir haben viele bekannte und liebe Menschen verloren, dutzende Anschläge mitverfolgt und immer wieder mit dem Gefühl und Phänomen der Angst gekämpft.

Einige Horrorgeschichten wurden war: Donald Trump wird in ein paar Tagen der 45. Präsident der Vereinigten Staaten Amerikas. Kurz darauf stirbt Fidel Castro. Doch nicht nur in der Weltpolitik haben wir große Verluste eingebüßt.

 Auch ein wichtiges, uns immerwährend unterstützendes Mitglied der islamischen Gemeinschaft verließ uns am Wochenende vor dem Summer-Survival-Ramadan 2016:

 Muhammad Ali. Box-Legende. Rebell. Muslim. Das Vorbild ganzer Generationen, Impulsgeber, Inspiration von Millionen von Menschen – beispiellos in seiner Natur.

 Menschen aus allen Teilen der Welt nahmen Abschied von ihm: “I hated every minute of training, but I said, 'Don't quit. Suffer now and live the rest of your life as a champion'.”

 To be a great champion you must believe you are the best. If you’re not, pretend you are.”

 Vielleicht war das der Grund, warum ich meine Arabischklausur in meinen Muhammad-Ali-Pullover schrieb. – Erfolgreich war ich allemal.

 Der Ramadan 2016 war etwas einfacher als die Sommer-Ramadan-Monate der vorherigen Jahre. So fühlte es sich zumindest an. Es mag die innere Einstellung und die Übung der letzten Jahre sein.

 An dieser Stelle möchte ich eines erwähnen: Ich ziehe meinen Hut vor allen Studierenden, Vollzeit-Arbeitenden und – Mamis, Organisatorinnen und Organisatoren von Iftar-Veranstaltungen, älteren, noch gesunden Menschen und vor all jenen, die uns in diesem Monat immer wieder vor Augen führten, wie stark wir sein können, wie gut es uns geht und worauf es im Leben ankommt. Ihr seid unsere täglichen Heldinnen und Helden.

 Doch kommen wir zurück zur bereits erwähnten Angst: Wie real ist diese Angst?

 Im Zeitalter der Globalisierung, wo wir nun wirklich in der Lage sind, auch den umfallenden Sack in China wahrzunehmen – wie gut tut uns diese Nähe? Können wir mit ihr umgehen? Oder schränkt sie uns doch ein? Erweitert sie unseren Horizont, bereichert sie uns oder büßen wir etwas ein? „Was denn?“, fragst du mich.

 Den Blick auf das Wesentliche. Auf das, was du und ich unmittelbar verändern können. Auf uns. Auf unseren Weg. Auf unsere Liebsten. Förderte unsere Nähe und Erreichbarkeit unsere Angst und Ohnmacht? Nährte sie unsere Wut und unseren Pessimismus?

 Will Smith sagte Mal: “Danger is real. But fear is a choice.”

 Ja, wir spürten viel Hass, viel Unverständnis, viel Diskriminierung, viel Dummheit, viele Machtkämpfe, Berichte über Anschläge, unzählige Diskussionen über die Burka. All diese Negativität ist real, ohne Frage. Doch wie begegnen wir ihr? Wie sollten wir ihr begegnen?

 Mit Liebe. Ja, es klingt etwas einfallslos. Doch lasst uns Mal gemeinsam zurückblicken: Was hat uns dieser Hass gebracht? Wohin hat uns unser Machthunger, unsere Verachtung und Arroganz hingebracht? Was stellte unsere immerwährende Versklavung des Kapitalismus mit dem uns anvertrauten Gut, der Erde und Lebewesen an? – Der Klimawandel ist real, auch wenn einige unserer Mitmenschen diesen Tatsachen kaum Beachtung schenken.

 Was also haben wir noch zu verlieren, wenn wir den postfaktischen Tiefpunkt erreicht haben?

 Versuchen wir es doch mal mit Liebe. Nein, das bedeutet nicht, dass du jedem deiner Mitmenschen enthusiastisch die linke Wange hinhalten sollst, wenn er dich auf die rechte Wange schlägt. Es bedeutet auch nicht, mit einer rosaroten Brille durch das Leben zu gehen und alles schön zu reden.

 Wie wäre es denn mit ein paar lieben Worten an diejenigen gerichtet, ohne die wir heute nicht wir wären?

 Wie wäre es denn mit einem Lächeln, einer netten Gäste, einem „Schön, dass es dich gibt“, „Das hast du gut gemacht“.

 Wie wäre es mit mehr Support statt destruktiver Kritik?

 2016 hat uns viel Kraft, Energie und Nerven gekostet. Doch es war nicht ausschließlich schlecht, wenn wir ehrlich zu uns sind.

Mach’ bitte Folgendes: Gehe in dich, genau jetzt und vergegenwärtige dir drei Dinge/Momente, die im vergangenen Jahr gut für dich/deine Liebsten/die Welt etc. waren.

 Es liegt an uns, ob wir das Glas halb leer oder halb voll sehen.

 Eins noch: Im vergangenen Jahr wurde viel über die „Flüchtlingskrise“ gesprochen. Bürokratie, Angriffe auf Unterkünfte, die Integration der Menschen, diffuse Bemerkungen diverser Politikerinnen und Politiker; Dinge, die nicht immer schön und vor allem einfach sind.            Was ich jedoch sehe, ist mehr: Ich sehe eine Flucht vor unserer Verantwortung, die uns in die Krise stürzt. Ich gehe davon aus, dass ein Großteil der Menschheit in den Genuss einer mehr oder weniger guten Kinderstube kam. Gleichzeitig schreien mein Gefühl und Verstand, dass mich das Leben eines Besseren belehren wird, doch das ist zweitrangig.

 Mir geht es um Folgendes: Denn ob wir’s wollen oder nicht: Veränderung war, ist und wird immer da sein. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Schreien wir weiterhin „Wir müssen unser Leben ändern!“, „Das Ende naht!“, „Nur noch Probleme!“, oder fangen wir an, unser Ändern zu leben? Ob’s uns gefällt oder nicht – Es ist wie es ist. Wir müssen nicht den Kopf in den Sand stecken. Ein schlechtes Kapitel bedeutet noch lange kein schlechtes Ende.          

Deshalb habe ich auch nur einen einzigen Wunsch, eine einzige Bitte an dich:

 Fang’ an, dein Ändern zu leben und mache 2017 zu dem Zeitpunkt, auf das du zurückblickst und sagst „So wendeten wir das Blatt.“

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