DISTANZIERUNG VOM FRAUEN- UND MIGRANTINNENMARSCH

Statement zum »Frauen- und MigrantInnenmarsch« am 13.5.2017 in Hamburg

Wir als Sisterhood (Organisator*innen und Freund*innen des Sisters' March) möchten uns solidarisch zeigen mit unseren muslimischen Mitmenschen. Wir sind davon überzeugt, dass es notwendig ist, diese Position in die Öffentlichkeit zu tragen, um auf ein gesamtgesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen: Es scheint salonfähig geworden zu sein, ethnische und religiöse Minderheiten in Deutschland öffentlich zu diffamieren und zu stigmatisieren - ohne Konsequenzen oder eine laute Gegenstimme befürchten zu müssen.Wir erleben ein gesellschaftliches Klima, dass sich stark gegen Muslime, geflüchtete und migrierte Menschen sowie solche, die aufgrund ihrer äußeren Erscheinung zu ihnen gezählt werden, wendet. Diese Menschen werden verstärkt zu Opfern von Stigmatisierung, öffentlichen Anfeindungen und Ausgrenzung. Ihre Stimmen bekommen oft keine Plattform, die geeignet wäre, sie auch in der Mehrheitsgesellschaft hör- und wahrnehmbar zu machen - hingegen positionieren sich populistische Provokateur*innen auf den großen Bühnen.

Am Beispiel »Frauen- und MigrantInnenmarsch« zeigt sich, wie leicht es derzeit für populistische Positionen und Stimmen ist, sich auf einer prominenten Bühne zu präsentieren. Das, und die Solidarität aus verschiedenen Richtungen, hat uns in der Entscheidung für ein öffentliches Statement bestärkt.Wir engagieren uns für eine Welt ohne Sexismus, sexualisierte Gewalt, Rassismus, Antisemitismus, Ableismus, Homo- und Transfeindlichkeit. Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der sich niemand anmaßt, Frauen* vorzuschreiben, wie sie zu sein und zu leben haben - einer Gesellschaft in der Vielfalt und Toleranz das Fundament sind. Wir wünschen uns eine Kultur des Austauschs, des Lernens und Einfühlens - aber auch der konstruktiven Kritik und eine Sensibilisierung für Missstände - in der Mehrheitsgesellschaft, sowie innerhalb von marginalisierten Gruppen. Denn erst dann können wir sie gemeinsam nachhaltig überwinden. Wir hoffen, dass dieses Statement der Beginn eines allseitigen, zugewandten Dialogs ist.

DISTANZIERUNG VOM FRAUEN- UND MIGRANTINNENMARSCH AM 13. MAI 2017 IN HAMBURG

Wir Unterzeichnenden dieses Statements stehen ein für eine Welt, in der alle Menschen unabhängig von Geschlechtsidentität, kultureller und sozialer Herkunft, Glaube, Alter, sozialem Status, Beeinträchtigung und sexueller Orientierung uneingeschränkt gleichberechtigt zusammenleben. Für eine Welt ohne Sexismus, sexualisierte Gewalt und Rassismus. Für die Erhaltung unserer demokratischen Grundwerte und eine Gesellschaft, die das Wohl aller im Blick hat.Deshalb hatten viele von uns selbstverständlich unsere Unterstützung für den »Hamburger Frauen und MigrantInnenmarsch« zugesagt, um » [...] mit offenen Herzen, gemeinsam Hand in Hand um die Binnenalster zu marschieren.«1

Das am 12.04.2017 vorgelegte Konzept dieser Veranstaltung beinhaltete die Kernthemen Weltoffenheit, Selbstbestimmung, Menschlichkeit, gegenseitiger Respekt, Frieden, Freiheit und Demokratie. Das Rahmenprogramm des Tages rief zur Feier der »Vielfalt der Menschen und Kulturen« auf.2 All dies sind Werte, mit denen wir uns verbunden fühlen und uns solidarisch zeigen wollten.Am Donnerstag, dem 04.05.2017, mussten viele der Unterzeichnenden leider umso überraschter feststellen, dass das von ihnen unterzeichnete Konzept und Programm nachträglich und ohne Absprache gravierend geändert worden ist.

Ohne ihr Wissen und Zutun, wurde die Philosophie der Veranstaltung in eine Haltung verdreht, mit der wir uns eindeutig nicht identifizieren können und die zudem klar unseren Prinzipien widerspricht.Folgende Passage wurde auf der Frauenmarsch-Webseite3 unter "Die Idee" hinzugefügt und mittlerweile wieder entfernt (Stand 06.05.2017)4: »Wir wollen Frauen, die aus Angst ein Kopftuch tragen, aufklären. Wir sind der Meinung, dass Verschleierung ein Symbol der Ausgrenzung – in allen ihren Formen sind, vorallem für die Mädchen, die nicht volljährig sind. Wir glauben, dass Emanzipation und Feminismus nicht mit einem Kopftuch vereinbar ist. Kopftuch ist nichts islamisches. Es ist ein historisches Produkt der Patriarchalen Gesellschaft, um Frauen zu kontrollieren. Viele entscheiden sich für das Kopftuch, um in Ruhe gelassen zu werden. «In einem bevormundenden, belehrenden Ton entmündigen die Veranstaltenden kopftuchtragende Frauen, generalisieren und stigmatisieren diese. Ganz klar: Diese Haltung widerspricht unseren Grundlagen eines toleranten und pluralen Miteinanders in einer offenen, zugewandten Gesellschaft und unserem Anspruch auf Intersektionalität.

Besonders besorgniserregend und erschreckend ist das gesamte Vorgehen: Ohne die unterstützenden Organisationen, von denen sich viele als klar antirassistisch und interreligiös positionieren, zu informieren, wurde dieser intoleranten Haltung eine prominente Bühne im Namen aller geboten. Als wäre mit diesem Vorgehen nicht schon ein Vertrauensbruch erreicht, mussten wir ebenfalls feststellen, dass beim Frauen- und MigrantInnenmarsch am 13. Mai wissenschaftlich wie politisch umstrittene Personen wie Necla Kelek eine Bühne geboten bekommen – eine prominente Vertreterin von anti-islamischen Weltanschauungen. Necla Kelek ist unter anderem für ihre Unterstützung von Thilo Sarrazins rassistischen Einwanderungs-Thesen5 bekannt, hat sich diskriminierend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur Sexualität von muslimischen Männern geäußert6 und sorgt mit pseudo-wissenschaftlichem Populismus eher für Desintegration7. Wir distanzieren uns ausdrücklich nicht nur von der inzwischen von der Webseite entfernten Formulierung8, sondern auch von den anfangs als Rednerinnen eingeladenen Personen9 bzw. von den mit ihnen verbundenen Weltanschauungen und von dem Marsch als solchem.Zudem fordern wir eine [noch nicht erfolgte] Stellungnahme der veranstaltenden Organisation und wünschen uns eine klare Distanzierung aller, die für eine antirassistische, plurale und tolerante Gesellschaft einstehen. (Hamburg, 10.05.2017)

Das Statement wurde verfasst von den Organisator*innen des Sisters' March und der SCHURA. Unten folgt eine Liste diverser Initiativen, die in den vergangenen Tagen unterzeichnet haben.Wenn auch Sie und ihre Organisation dieses Statement unterstützen möchten, kontaktieren Sie uns bitte. Diese Liste wird zweimal täglich aktualisiert (bis Samstag, 15 Uhr). Wir übernehmen keine Verantwortung für die unterzeichnenden Organisationen und repräsentieren diese nicht.Unten folgt eine Liste diverser Initiativen, die in den vergangenen Tagen unterzeichnet haben. Wenn auch Sie und ihre Organisation dieses Statement unterstützen möchten, kontaktieren Sie uns bitte. Diese Liste wird zweimal täglich aktualisiert (bis Samstag, 15 Uhr). Wir übernehmen keine Verantwortung für die unterzeichnenden Organisationen und repräsentieren diese nicht.

Unterzeichnet von:

Sisters’ March

SCHURA — Rat Islamischer Gemeinschaften in Hamburg e.V.

Trust The Girls

Der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Hamburg e.V.

Integrationspunkt Hamburg IPV gemeinnützige UG

Multikulti Werkstatt e.V.

Stiftung Wohnbrücke Hamburg

Islamische Religionsgemeinschaft DITIB Hamburg und Schleswig-Holstein e.V.

Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.

Bündnis Hamburger Flüchtlingsinitiativen (BHFI)

Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation

Das interreligiöse Frauennetzwerk Hamburg

Christine Ebeling, Gängeviertel

Junge Islam Konferenz Hamburg (JIK)

Aktivist*innen von Refugees Welcome Karoviertel

BIG Bündnis Islamischer Gemeinden in Norddeutschland e.V.

Muslimische Frauengemeinschaft in Norddeutschland e.V.

Sisters united e.V.

Liberal-Islamischer Bund — Gemeinde Hamburg

Initiative Harburger Muslime

Deutsch-Ahwazischer Kultur Verein

Hazara Kultur Verein e.V. Hamburg

Bildungs- und Beratungskarawane e.V.

Frauenorganisation Lajna Imaillah der Ahmadiyya Muslim Jamaat

Jüdische Gemeinde Pinneberg

[1] Zitat aus der Anfrage, die wir am 12.04.2017 von der Kulturbrücke Hamburg als E-Mail erhalten haben

[2] Pressemitteilung, Kulturbrücke April 2017

[3] https://hamburger-frauenmarsch.jimdo.com/die-idee/

[4] Screenshots durch mehrere Personen liegen uns vor und können auf Nachfrage verschickt werden.

[5] http://www.abendblatt.de/politik/article107844588/Publizistin-Necla-Kelek-verteidigt-Sarrazins-Thesen.html

[6] https://www.youtube.com/watch?v=kYWA-INbTSE Im Interview mit dem ZDF »Forum am Freitag« (ursprünglich publiziert am 16.07.2010): »Die Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren, und besonders der Mann nicht. Der ist ständig (...) herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen (...) - und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier...«

[7] http://www.zeit.de/2006/06/Petition/komplettansicht

[8] am 05.05.2017 von der Frauenmarsch-Webseite entfernt

[9] Als Rednerin ist unter anderem auch Zana Ramadani aufgeführt. In ihrem Buch »Die verschleierte Gefahr« schreibt sie: »Das Kopftuch ist das Leichentuch der freien Gesellschaft". Pauschalisierende Äußerungen, wie "Eine muslimische Frau, die ein Kopftuch trägt, erhebt sich über andere. Sie sagt damit: Ich bin etwas Besseres als Du.« zeugen von einer Haltung, die unserer Vorstellung von Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt widerspricht. Siehe hierzu auch: https://www.welt.de/vermischtes/article163576969/Zana-Ramadani-glaubt-das-Problem-muslimischer-Maenner-zu-kennen.html

Zusätzliche Informationen